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Geschichte im Ersten

„Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie…“ – ein Satz, der vielen Erwachsenen von Kindesbeinen an vertraut ist. Schläge mit Rohrstock, Teppichklopfer oder Ledergürtel gehörten bis in die 60er/70er Jahre in Familien und Schulen zum ganz normalen Erziehungsalltag. Hunderttausende mussten das am eigenen Leib erfahren und wissen genau, dass der Satz: „Eine Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet“ falsch ist. Ein Film auch darüber, welche Auswirkungen diese lang verschwiegenen Demütigungen bis heute haben.

PRESSE:
Süddeutsche
Frankfurter Rundschau
Kölner Stadt-Anzeiger 
Der Westen 
Lokalkompass
T-Online/Eltern
unicef: Anmerkung zum Film von Rudi Tarneden 

Tilman wurde mit Ohrfeigen, aber auch mit der Reitpeitsche gezüchtigt, denn das Böse – davon war sein Vater, der Pfarrer überzeugt – musste Kindern ausgetrieben werden. Die Strafaktionen dienten dazu, den Willen zu brechen – ein über Jahrhunderte anerkanntes Mittel in der Erziehung. Nach solch einer Züchtigung mit der Reitpeitsche wollte der Vater von seinem Sohn eines Tages wissen, ob er seine Eltern liebt. Tilman ist noch heute entsetzt darüber: „Für mich war in dem Moment jede Vaterliebe zu ihm, das war gestorben. Ich sagte: ‚Ich werde euch nie lieben, nie, nie, nie!‘“ Seine Kindheitserfahrungen hat er in dem Buch „Thoms Bericht“ niedergeschrieben.

Helgas Eltern und Verwandte waren überzeugte Nationalsozialisten. Ihr Onkel, der schon in der SS sein Unwesen getrieben hatte, schlug sie regelmäßg auf den nackten Po. Die Cousins und der Bruder standen dabei, schauten zu. Der Onkel, das weiß Helga heute, hat sich an diesem Ritual befriedigt. Die Erinnerung wühlt sie auf: „Keiner hat sich eingemischt, keiner!“ Noch nicht einmal die Mutter. Die schlug ihre Tochter mit der Handkante in den Nacken, wenn sie nicht „brav“ war. Die Demütigungen sitzen Helga in den Knochen – nicht nur im übertragenen Sinne: Täglich muss sie Schmerztabletten nehmen. „Ich denke, das sind die Schmerzen von damals, die sitzen tief und die haben etwas mit mir gemacht.“

Lutz hatte unter den Wutattacken seiner überforderten Mutter zu leiden, die ihre vier Kinder in Leipzig alleine großziehen musste. Sie strafte mit dem Teppichklopfer. Auch hier griff niemand ein, weder die Nachbarn noch die Lehrer. Lutz Bruder: „Und am nächsten Tag waren wir hingefallen, wenn der Lehrer irgendwas gesehen hat.“ Sogar in der Schule saß die Hand mancher Pädagogen locker, obwohl in der DDR das Schlagen von Schülern schon seit 1947 verboten war, seit der ersten Schulverordnung in der Sowjetischen Besatzungszone. Trotz alledem: „Das war vollkommen normal,“ erinnert sich Lutz. „Und ich denke mal, wenn wir uns beschwert hätten, meine Mutter hätte auch hinter den Lehrern gestanden.“

Buch und Regie: Erika Fehse
Kamera: Reiner Bauer
Schnitt: Volker Gehrke
Musik: Jens Hafemann
Ton: Martin Pflüger
Sounddesign: Joachim Kopka
Sprecher: Joachim Krol
Idee: Ingrid Müller-Münch
Kostüm: Stefanie Jauss
Ausstattung: Sabine Kasch
Maske: Conny Düker
Beleuchter: Dirk Wehmeyer
Darsteller: Stefan Dohse, Ildiko M. Gieseler, Ennio Klöhn, Frank Knoche, Lynn Kraft, Charleen Madsen, Gabriele Pilhofer, Julian Felix Seyfrath
Mischung: Karl-Ludwig Toel
Herstellungsleitung: Anke Meyer
Produzent: Hartmut Klenke
Produktionsleitung: Oliver Wißmann (WDR), Ulrike Römhild (doc.station)
Producer: Martina Sprengel (doc.station)
Redaktion: Gudrun Wolter (WDR)
Produktion: doc.station  im Auftrag des WDR 2013

Literaturempfehlungen:
Ingrid Müller-Münch: Die geprügelte Generation – Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen, ISBN: 978-3-608-94680-2
Tilman Röhrig: Thoms Bericht, ISBN: 978-3-492-30101-5,
Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend, ISBN: 978-3-492-30179-4

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Erstsendung
07.04.14 / Das Erste

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