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Flüchtlinge und Vertriebene an Rhein, Ruhr und Weser

Ab 1945 kommen Vertriebene aus Pommern, Schlesien, Ost- und Westpreußen, aus Siebenbürgen und dem Sudetenland – erst zu Hunderten, dann zu Tausenden an den Bahnhöfen in NRW an. Im Gepäck ein Federbett, das Sparbuch, ein paar Habseligkeiten.

Keiner hat die Ankömmlinge vorbereitet auf das, was vor ihnen liegt. Ebenso wenig die Einheimischen, die nun zusammenrücken sollen. Marianne H. kommt schon 1945 als Flüchtling in Weilerswist an und wird von einem Hilfspolizisten bei Einheimischen einquartiert: „Da wohnten Leute, die ahnten nichts davon. Wir standen da, und der Polizist hat ihnen nur gesagt: ’Wir beschlagnahmen jetzt ein Zimmer. Hier sind Flüchtlinge und die haben Sie aufzunehmen.’ Das war eine Katastrophe für die Leute. Für uns auch. Es war nicht schön.“

Eine erste Begegnung zwischen Vertriebenen und Einheimischen, wie sie überall nach dem Krieg stattfindet. Manche Neuankömmlinge werden freundlich und mitleidig aufgenommen, viele aber abgelehnt und angefeindet. Und es gibt Streit um das richtige Bekenntnis, denn Katholiken und Protestanten müssen plötzlich Tür an Tür miteinander leben, müssen sich Kirchenräume, Schulen, Friedhöfe teilen.

„Als wir hier ankamen, kam auch die Frage: ‚Sind Sie katholisch?‘ ‚Nein, sind wir nicht‘. Und da wurde gesagt: ‚Die sind ja auch Menschen‘. Das kam uns schon ein bisschen komisch vor“, erinnert sich Christa P., die 1946 in Rhede auf dem Bahnhof steht. Erich L., der im selben Jahr in Neuenkirchen strandet, weiß noch, dass die evangelischen Toten nicht durch den Haupteingang des katholischen Friedhofs zum hinteren, neu eingerichteten evangelischen Teil getragen werden durften, sondern hintenrum über den Zaun gehoben werden mussten.

In einigen Gegenden werden die Vertriebenen aber auch mit offenen Armen empfangen, denn sie bringen eigene Gewerbezweige mit und schaffen neue, dringend benötigte Arbeitsplätze. Zum Beispiel die sudetendeutschen Glasveredler, die nach Rheinbach geholt werden. Fünf Jahre nach Kriegsende leben in NRW etwa 1,3 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge.

Fotorechte: Mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Lippstadt

Buch und Regie: Erika Fehse
Kamera: Jörg Fenske
Ton: Frank Emonds
Schnitt: Heide Supper
Musik: Mike Herting
Redaktion: Gudrun Wolter

 

 

Erstsendung:
23.02.07 / WDR

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