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Aus: Frankfurter Rundschau:
Die Zuträger aus dem Osten
Von Reiner Brückner-Heinze
Als Trauma erlebten viele Sozialdemokraten in der Sowjetisch Besetzten
Zone (SBZ) die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD, aus der im Frühjahr
1946 die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) hervorging.
Die Genossen fühlten sich als Gegner der Ulbrichtschen Indoktrination
und des massiven Drucks der sowjetischen Besatzer auf das Nachkriegsdeutschland.
So kam es nicht von ungefähr, daß die Sozialdemokraten im Westen,
die den Widerstand gegen die SED propagierten, auch im Osten auf engagierte
Mitstreiter setzen konnte. Aus dieser historischen Konstellation heraus
wurde das Ostbüro der SPD gegründet, das im weitesten Sinne
eine Widerstandsorganisation gegen den Kommunismus war.
Die Arbeit dieser Institution, die im Kalten Krieg eine wichtige Rolle
spielte, beschreibt Erika Fehse heute Abend in der WDR-Reihe Geschichtszeit.
Die Autorin läßt vor allem ehemalige Kuriere des Ostbüros
zu Wort kommen: Heini Fritsche kundschaftete zwischen 1950 und 1951 die
Volkspolizei aus, deren Mitglied er war, und lieferte wichtige Informationen
über die praktische Remilitarisierung der DDR. Horst Leuther, Turbinenmachinist
im Buna-Werk in Halle, informierte seine Auftraggeber über die chemische
Industrie der DDR, über Organisationsstrukturen, Pläne und Produkte,
über Stasi-Aktivitäten und die Arbeit der SED-Funktionäre.
Gesammelt, ausgewertet und weitergeleitet wurde das umfangreiche Material
aus der DDR in Hannover und West-Berlin. Die Büros existierten bis
zum Jahre 1971; dann schloß sie der Parteivorstand. Stichwort: Neue
deutsche Ostpolitik der SPD. Egon Bahr empfand ihre Tätigkeit im
Endstadium als "fahrlässig und schwer verantwortbar", nicht
zuletzt deshalb, weil die Grenze zwischen idealistischer Informationstätigkeit
und Spionage stets fließend war.
Doch Erika Fehses Beitrag ist objektiv und läßt viel Verständnis
für die kleinen Zuträger der Sozialdemokraten aus dem Osten
Deutschlands erkennen, die in der Mehrzahl eher Widerstandskämpfer
gegen DDR-Unrecht denn Agenten mit Spionage-Auftrag waren. So sehen denn
auch die meisten befragten Zeitzeugen das schwierige Unterfangen, Informationen
in der DDR zu sammeln, um sie dem Informationsmonopol der SED entgegenzusetzen.
Aus: FAZ-Magazin
Spione sind wir nicht gewesen
Nach dem Krieg hatte die SED ein Politbüro, die SPD aber ein Ostbüro,
in dem Informationskampagnen gegen die DDR-Führung organisiert, vor
allem aber Informationen gesammelt wurden. Zwei Millionen Zuträger
zählte das Büro 1971, als es geschlossen wurde. Die konspirativen
Tricks für ihre gefährliche Arbeit mußten sich die Genossen
selbst ausdenken. Spuren wurden verwischt, indem man mehrere Kaufhäuser
durchquerte, als Erkennungszeichen diente eine zerrissene Karte. Eine
fundierte Reportage über die spannende Nachkriegszeit
Aus: Süddeutsche Zeitung:
Agent V550
1946, mit der Zwangsvereinigung von SPD und KPD im sowjetischen Besatzungsgebiet,
begann die Geschichte des "Ostbüros der SPD". Es wurde
gegründet, um vom Westen aus den Widerstand gegen das SED-Regime
in der "Zone" zu organisieren. 2000 V-Leute hatte man schon
1948 "drüben", und was sie berichteten, wurde in Berlin-Charlottenburg
gesammelt. Meter von Regalen voller Akten bergen diesen Abschnitt aus
der Hochzeit des Kalten Krieges, 350 000 Namen umfaßt allein die
Personenkartei. Vielleicht waren es aber auch 2 Millionen. So genau weiß
das keiner mehr in der Friedrich-Ebert-Stiftung, die heute den Bestand
verwahrt. Und offenbar hat bisher auch niemand gezählt, wieviele
der treuen Genossen verhaftet wurden, wieviele zu 25 Jahren "Korrektionsarbeit"
in russischen Arbeitslagern verurteilt wurden und wieviele umkamen bei
ihrem gefährlichen Geschäft.
Gefährlich war es und ziemlich dilettantisch, dieses Geschäft.
Was in Erika Fehses Film Spione die befragten Zeugen erzählen, klingt
manchmal wie schlechtester Kintopp. "Die hätten schon vorsichtiger
sein können" , sagt Horst Leuter, damals als Quelle V 550 geführt.
Er war Maschinist in Leuna, sammelte Wirtschaftszahlen, protokollierte
Betriebsversammlungen und berichtete über Kampfgruppenübungen,
und er hätte "viel mehr gegen den Staat gemacht", wenn
man ihn hätte lassen. 1960 wurde er verhaftet, bekam neun Jahre Zuchthaus.
Was aus den Informationen wurde, die er nach Berlin brachte, hat er nie
erfahren, dieser Mann, der nur ein kleiner Fisch war im großen Agententhriller
Ost-West.
Ein Idealist war V 550, wie auch die anderen Genossen, die Erika Fehse
vor die Kamera geholt hat, um von einer Geschichte zu berichten, die so
gut wie vergessen ist; die verdrängt wurde aus dem Gedächtnis
- auch dem der SPD -, als sie nicht mehr paßte. Das Ostbüro
hatte sich überlebt, durch den Bau der Mauer aber mehr noch durch
die neue Politik des Wandels durch Annäherung. Auf Drängen Wehners
wurde dieser "Agentenschuppen" (Wehner) geschlossen. "Diese
Art des Kalten Kriegs", sagt heute Egon Bahr, "war fahrlässig,
zur Erfolglosigkeit verurteilt und für mich schwer zu verantworten."
Die nachfolgenden Ereignisse geben ihm recht. Aber für die Handelnden
dieser "Geschichtszeit" muß es bitter sein, wie sie von
der Geschichte überrollt wurden. Der Film von Erika Fehse, der erschöpfend
natürlich nicht sein kann, auch einige Fragen offenläßt,
bewahrt wenigstens ihr Gedächtnis.
ELISABETH BAUSCHMID
Buch und Regie: Erika Fehse
Kamera: Hansjürgen Paul
Ton: Jens Müller
Schnitt: Doris Schwitthale
Redaktion: Gudrun Wolter |
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