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„Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie…“

In der Sendereihe: Geschichte im Ersten


PRESSE:
Süddeutsche
Frankfurter Rundschau
Kölner Stadt-Anzeiger
Der Westen
lokalkompass: Preview in Essen Werden
T-Online/Eltern
unicef: Anmerkung zum Film von Rudi Tarneden


 
Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie…“ - ein Satz, der vielen Erwachsenen von Kindesbeinen an vertraut ist. Schläge mit Rohrstock, Teppichklopfer oder Ledergürtel gehörten bis in die 60er/70er Jahre in Familien und Schulen zum ganz normalen Erziehungsalltag. Hunderttausende mussten das am eigenen Leib erfahren und wissen genau, dass der Satz: „Eine Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet“ falsch ist. Auch andere Rechtfertigungsversuche sind nicht vergessen, sofort abrufbar: „Das tun wir alles, weil wir euch lieben!“ oder „Ich tu das auch nicht gerne, sondern ich muss das machen“.

Ein Film über Prügel als Erziehungsinstrument. Ein Film auch darüber, welche Auswirkungen diese lang verschwiegenen Demütigungen bis heute haben. In den 50er und 60er Jahren sprachen die Kinder und Jugendlichen nicht über das, was Eltern und Lehrer ihnen antaten. Denn viele Geschlagene schämten sich, andere dachten, dass es nicht wert sei, darüber zu reden, schließlich war die Prügelstrafe "normal".

Die Dokumentation begleitet Tilman Röhrig (Jg. 1945), Helga G. (Jg. 1940) und Lutz Stiller (Jg. 1959) an die Orte ihrer Kindheit. An diesen Plätzen wird spürbar, wie tief die Schläge sich ins Gedächtnis und in die Körper eingebrannt haben. Jahrzehnte später sind präzise Erinnerungen und beklemmende Gefühle sofort wieder wach. Die drei Protagonisten werden von einem vielstimmigen Chor ergänzt. Männer und Frauen unterschiedlicher Generationen erzählen, wie verbreitet noch lange die Überzeugung war, dass Kinder nur mit Schlägen erzogen werden können. Historische Rückblicke helfen, das Phänomen der Prügelstrafe einzuordnen. Joachim Król spricht den Kommentar.

Tilman wurde mit Ohrfeigen, aber auch mit der Reitpeitsche gezüchtigt, denn das Böse - davon war sein Vater, der Pfarrer überzeugt - musste Kindern ausgetrieben werden. Die Strafaktionen dienten dazu, den Willen zu brechen – ein über Jahrhunderte anerkanntes Mittel in der Erziehung. Nach solch einer Züchtigung mit der Reitpeitsche wollte der Vater von seinem Sohn eines Tages wissen, ob er seine Eltern liebt. Tilman ist noch heute entsetzt darüber: „Für mich war in dem Moment jede Vaterliebe zu ihm, das war gestorben. Ich sagte: ‚Ich werde euch nie lieben, nie, nie, nie!‘“ Seine Kindheitserfahrungen hat er in dem Buch „Thoms Bericht“ niedergeschrieben.

Helgas Eltern und Verwandte waren überzeugte Nationalsozialisten. Ihr Onkel, der schon in der SS sein Unwesen getrieben hatte, schlug sie regelmäßg auf den nackten Po. Die Cousins und der Bruder standen dabei, schauten zu. Der Onkel, das weiß Helga heute, hat sich an diesem Ritual befriedigt. Die Erinnerung wühlt sie auf: "Keiner hat sich eingemischt, keiner!" Noch nicht einmal die Mutter. Die schlug ihre Tochter mit der Handkante in den Nacken, wenn sie nicht „brav“ war. Die Demütigungen sitzen Helga in den Knochen – nicht nur im übertragenen Sinne: Täglich muss sie Schmerztabletten nehmen. „Ich denke, das sind die Schmerzen von damals, die sitzen tief und die haben etwas mit mir gemacht.“

Lutz hatte unter den Wutattacken seiner überforderten Mutter zu leiden, die ihre vier Kinder in Leipzig alleine großziehen musste. Sie strafte mit dem Teppichklopfer. Auch hier griff niemand ein, weder die Nachbarn noch die Lehrer. Lutz Bruder: „Und am nächsten Tag waren wir hingefallen, wenn der Lehrer irgendwas gesehen hat.“ Sogar in der Schule saß die Hand mancher Pädagogen locker, obwohl in der DDR das Schlagen von Schülern schon seit 1947 verboten war, seit der ersten Schulverordnung in der Sowjetischen Besatzungszone. Trotz alledem: „Das war vollkommen normal," erinnert sich Lutz. „Und ich denke mal, wenn wir uns beschwert hätten, meine Mutter hätte auch hinter den Lehrern gestanden.“

In westdeutschen Schulen gehörten Schläge zum allgemein akzeptierten Erziehungsmittel. Im Saarland hieß es zwar in einem Amtsblatt aus dem Jahr 1948, dass die körperliche Züchtigung in Volksschulen „grundsätzlich nicht anzuwenden“ sei. Doch viele Lehrer hielten sich nicht daran. Helga wurde von Nonnen mit Stockschlägen auf die Hände, sogenannten „Batsche-Händchen“ zur Raison gebracht. Jungen bekamen Schläge meist auf den Hintern. 1973 verbot der Gesetzgeber körperliche Bestrafung in allen öffentlichen Einrichtungen. Seit dem Jahr 2000 haben Kinder auch zu Hause ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.


Buch und Regie: Erika Fehse
Kamera: Reiner Bauer
Schnitt: Volker Gehrke
Musik: Jens Hafemann
Ton: Martin Pflüger
Sounddesign: Joachim Kopka
Sprecher: Joachim Król
Idee: Ingrid Müller-Münch
Kostüm: Stefanie Jauss
Ausstattung: Sabine Kasch
Maske: Conny Düker
Beleuchter: Dirk Wehmeyer
Darsteller: Stefan Dohse, Ildiko M. Gieseler, Ennio Klöhn, Frank Knoche, Lynn Kraft, Charleen Madsen, Gabriele Pilhofer, Julian Felix Seyfrath
Mischung: Karl-Ludwig Toel
Herstellungsleitung: Anke Meyer
Produzent: Hartmut Klenke
Produktionsleitung: Oliver Wißmann (WDR), Ulrike Römhild (doc.station)
Producer: Martina Sprengel (doc.station)
Redaktion: Gudrun Wolter (WDR)
Produktion: doc.station im Auftrag des WDR 2013


Dank an alle Mitwirkenden
sowie
Bergkirche Wiesbaden
Bundesarchiv
Deutsche Dienststelle (WASt)
Deutscher Kinderschutzbund Landesverband NRW e. V.
Deutsches Komitee für UNICEF
Dr. Lore Maria Peschel-Gutzeit
Evangelische Pfarrkirche Thalfang
Evangelische Kirche Essen Werden
Familie Engel
Familie Günther
Familie Junge
Familie Kink
Familie Senzel
Grüne Damen im Evangelischen Stadtkrankenhaus Saarbrücken
Freunde & Förderer der Nerobergbahn
Gymnasium Essen-Werden
Kölner Golfclub Widdersdorf
Landesarchiv Saarbrücken
Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland
Niedersächsisches Landesarchiv
Prof. Dr. Christian Pfeiffer
Prof. Dr. Gert Geißler
Prof. Dr. Kai-D. Bussmann
Schulmuseum - Werkstatt für Schulgeschichte Leipzig
Stadtarchiv Leipzig
THESPIS Projekttheater e.V.
Universität Köln
WDR Videorecherche
33. Schule - Grundschule der Stadt Leipzig


Drehorte: Bonn, Ensheim, Essen, Hamburg, Köln, Leipzig, Saarbrücken, Thalfang, Wiesbaden
Länge: 43:30 Min


Literaturempfehlungen:
Ingrid Müller-Münch: Die geprügelte Generation - Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen, ISBN: 978-3-608-94680-2, http://gepruegelte-generation.de/

Tilman Röhrig: Thoms Bericht, ISBN: 978-3-492-30101-5, http://www.tilman-roehrig.de/

Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend, ISBN: 978-3-492-30179-4, http://www.andreas-altmann.com







 
   
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