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Aus: Frankfurter Rundschau
Vergessene Opfer des Nazi-Terrors
Von Ingrid Müller-Münch
Als "Polendirne" oder "Serbi" wurden sie beschimpft,
die Haare wurden ihnen geschoren, sie kamen ins Konzentrationslager, ins
Gefängnis, schweigen noch heute über das Erlebte: Jene deutschen
Frauen, die sich während des Zweiten Weltkrieges mit Zwangsarbeitern
oder Kriegsgefangenen einließen, die sich in die falsche Rasse verliebten
und dafür bitter büßen mussten. Meist nur, weil Nachbarn,
Freunde, Verwandte ihr Verhältnis zu dem "Pollaken", dem
"Russen" der Gestapo meldeten.
Die Kölner Dokumentaristin Erika Fehse ist in ihrem Film dem Schicksal
von vier Frauen nachgegangen, die für ihre Liebe zu einem Zwangsarbeiter
und damit wegen "Verletzung des gesunden Volksempfindens" bestraft
wurden. Frauen, die sich auch heute noch nur zögernd der Kamera stellen.
Es müsse ja nicht die ganze Nachbarschaft wissen, dass sie im Gefängnis
gewesen sei, begründet dies eine. Eine andere hatte ihr Leben lang
das Gefühl, wegen der Liebe zu einem Polen verachtet zu werden. "Vielleicht
war das nicht der Fall, aber man glaubt es", sagt sie und verdeckt
dabei ihr Gesicht, damit bloß keiner aus ihrer jetzigen Umgebung
sie wieder erkennt.
Noch immer tragen diese Frauen das Gefühl mit sich herum, etwas Unrechtes
getan zu haben. "Ich hatte ja eine Straftat gemacht. Ich hätte
es ja nicht machen dürfen", äußert sich die ehemalige
Freundin eines russischen Zwangsarbeiters. Als ihre Liebe verraten wurde,
wurde sie zu 15 Monaten Zuchthaus verurteilt. Andere mussten bis zu dreieinhalb
Jahren ins Konzentrationslager, und die russischen, serbischen, polnischen
Zwangsarbeiter, in die sie sich verliebt hatten, wurden meist öffentlich
gehängt. Zur Abschreckung für alle anderen, damit nur ja niemand
es ihnen gleichtue und sich an deutsche Frauen heranwage, zu diesen Kriegszeiten,
als die deutschen Männer an der Front kämpften und im Deutschen
Reich über sieben Millionen Zwangsarbeiter schufteten.
Erika Fehses Dokumentation über die vergessenen, nie gezählten
Frauen, die gegen die Rassengesetze der Nazis verstießen, ist überfällig.
Zu lange wurde über deren Schicksal geschwiegen. Zu lange haftete
ihnen der Makel der "gefallenen Mädchen" an, wie es bei
einem von Fehse gefilmten Kneipengespräch formuliert wird. Fehse
brachte die Frauen, die so lange geschwiegen haben, zum Reden. Und das
auch noch vor der Kamera. Ein für diese Frauen ungeheuer mutiger
Schritt, dessen Brisanz der Zuschauer deutlich spürt. Lakonisch,
aber in aller Klarheit macht der Film deutlich, wen wir vergessen haben
bei der Aufzählung der Opfer des Naziregimes. Diese Frauen, die sich
der Filmemacherin Fehse anvertrauten, verdienen eine Erinnerung, auch
wenn es nur die über einen ruhigen, aber umso einfühlsameren
Dokumentarfilm ist.
Aus: DER WEG
Die Nazis brachten sie ins Gefängnis oder ins KZ: Frauen, die Zwangsarbeiter
liebten
Gedemütigt, bestraft, gemieden
Tausende deutscher Frauen verschwanden während der Zeit des Nationalsozialismus
hinter den Mauern der Gefängnisse oder Konzentrationslager, weil
sie Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene liebten. Genaue Zahlen sind bislang
nicht erforscht. Manche Frauen wurden bestraft für ein angebliches
Verhältnis, das ihnen angedichtet wurde, allein um ihnen zu schaden.
Die Denunzianten waren die Nachbarn, die Verwandten, die "Freunde".
Unter den Nazis hieß das "Verbrechen" der Frauen "Verbotener
Umgang". In den späten Kriegsjahren war es ein Massendelikt.
Wenn der Feind zum Freund, ja zum Geliebten wurde, zog man auch diesen
zur Rechenschaft. Haft oder im schlimmsten Fall Mord: Erhängung im
Beisein von Hunderten anderer Zwangsarbeiter zum Zwecke der "Abschreckung".
Nach dem Krieg wurden die Frauen erneut bestraft: Die Frauen wurden gemieden
und von den Behörden gedemütigt, indem man ihnen die Anerkennung
als politische Häftlinge und jegliche Haftentschädigung verweigerte.
Sie haben über 50 Jahre lang versucht zu vergessen, zu verdrängen,
sie haben geschwiegen. Erna S. etwa, die von einem polnischen Zwangsarbeiter
ein Kind bekam. Bis heute hat sie es nicht geschafft, mit ihrer Tochter
über den Vater zu reden. Die Filmemacherin Erika Fehse hat einige
dieser Frauen ermutigt, ihre Geschichte vor der Kamera öffentlich
zu erzählen.
Aus: Funkkorrespondenz Nr. 46
Wenn Hitler tot ist, können wir tanzen
Aus der Vogelperspektive schweift der Blick der Kamera über friedliche,
flache Landschaften. Hart kontrastieren mit diesen harmonischen Bildern
die Geschichten, die Erika Fehse recherchiert hat. Sie erzählen von
Flirts. Zuneigung und Liebe zwischen Männern und Frauen in barbarischen
Zeiten. 1940 waren im Deutschen Reich offiziell 1,1 Mio. Fremdarbeiter
registriert, vier Jahre später sollten es 7,1 Mio. Menschen sein,
die auf Feldern und in der Rüstungsindustrie für den Endsieg
bis zur physischen Erschöpfung schuften mussten. Entsprechend dem
"Rassenbewusstsein" des NS-Regimes waren Kontakte der Volksgenossen
zu den Arbeitssklaven ausdrücklich verboten und wurden mit drakonischen
Strafen verfolgt.
"Für eine Liebe so bestraft..." hat Erika Fehse ihre Spurensuche
in Niedersachsen, Hessen und im Münsterland überschrieben. Ihr
Beitrag gehört zum dreiteiligen Programmschwerpunkt über Frauen
und Kinder als Geiseln der Geschichte, den die Programmgruppe Geschichte
des WDR im Oktober ausstrahlte. Den Frauen, die vor der Kamera - zum Teil
erstmals - auf ihre Jugend zurückblicken, fällt das Erzählen
immer noch schwer. Denn sie haben für normale menschliche Kontakte
und Beziehungen bezahlen müssen, nachdem sie denunziert wurden. Für
einen harmlosen Flirt mit einem serbischen Landarbeiter erhielt Erna O.
drei Monate Haft, kaum besser erging es der damaligen BDM-Führerin
Else H., die mit einem polnischen Landarbeiter gesehen wurde. "Wenn
Hitler tot ist, können wir tanzen", hat sie damals ihrem Partner
mit auf den Weg gegeben - gesehen haben sie sich nie wieder. Denn noch
härter bestrafte das Regime jene Männer, die per se als "rassisch
minderwertig" galten und auf ihre Arbeitskraft reduziert wurden.
Im Rückblick auf jenes düstere, verdrängte Kapitel der
NS-Geschichte geht Fehse mit der gebotenen Sensibilität zu Werke.
Die Interviews sind behutsam geführt, die historischen Fakten sorgfältig
recherchiert. Stets nah an den Menschen bleibend, entsteht so ein beklemmender,
eindringlicher Beitrag, der sich allerdings durch eine aufdringliche Stimme
aus dem Off um einen Teil seiner Wirkung bringt. Eine etwas zurückhaltendere
Kommentierung hätte diesem fraglos wichtigen und sehenswerten Beitrag
gut getan, zumal hier die Bilder nicht nur ins Reich der puren Illustration
verwiesen sind. |
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