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Geprügelte Kinder - "Ich hatte nur Angst, dass es wieder Schläge gibt..."

In der WDR Sendereihe tag7
 
Foto Foto Foto Foto Foto Die 30minütige Dokumentation konzentriert sich auf Tilman Röhrig (Jg. 45) und Helga G. (Jg. 40), die auch in dem Film „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie…“ für die Sendereihe „Geschichte im Ersten“ mitgewirkt haben. Zwei von tausenden, für die Schläge mit Teppichklopfer, Gürtel, Reitpeitsche oder Handfeger Alltag in ihrer Kindheit waren.

Tilman wurde mit Ohrfeigen, aber auch mit der Reitpeitsche gezüchtigt, denn das Böse - davon war sein Vater, der Pfarrer überzeugt - musste Kindern ausgetrieben werden. Die Strafaktionen dienten dazu, den Willen zu brechen – ein über Jahrhunderte anerkanntes Mittel in der Erziehung. Nach solch einer Züchtigung mit der Reitpeitsche wollte der Vater von seinem Sohn einmal wissen, ob er seine Eltern liebt. Tilman ist noch heute entsetzt darüber: „Für mich war in dem Moment jede Vaterliebe zu ihm, das war gestorben. Ich sagte: ‚Ich werde euch nie lieben, nie, nie, nie.‘“

Tilman trifft während der Dreharbeiten seine Schwester Barbara, die sich nur allzu gut an die unbarmherzigen elterlichen Maßnahmen erinnert. Eine besonders perfide und vollkommen gängige Methode: Mittags bekamen die Kinder gesagt: „Warte, bis der Vater kommt!“. Abends, nach stundenlangem ängstlichem Warten erhielten sie dann ihre "gerechte Strafe" - vom Vater, dem Familienoberhaupt. Barbara: "Das ist für mich das Allerschlimmste in meiner Kindheit gewesen, dieses ständige Warten auf Bestrafung. Was ist denn das für ein Leben?"

Helgas Eltern und Verwandte waren überzeugte Nationalsozialisten. Ihr Onkel, der schon in der SS sein Unwesen getrieben hatte und Anfang der 50er Jahre wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, schlug sie auf den nackten Po. Die Cousins und der Bruder standen dabei, schauten zu. Der Onkel, das weiß Helga heute, hat sich an diesem Ritual befriedigt. Die Erinnerung wühlt sie auf: "Keiner hat sich eingemischt, keiner!" Auch nicht die eigene Mutter. Die schlug ihre Tochter mit der Handkante in den Nacken, wenn sie nicht „brav“ war. Einmal sogar mit dem Handfeger bis der zerbrach. Die Demütigungen sitzen Helga noch heute in den Knochen – nicht nur im übertragenen Sinne: Täglich muss sie Schmerztabletten nehmen. „Ich denke, das sind die Schmerzen von damals, die sitzen tief und die haben etwas mit mir gemacht.“

Auch in der Schule gehörten Schläge dazu. Im Saarland hieß es zwar in einem Amtsblatt aus dem Jahr 1948, dass die körperliche Züchtigung in Volksschulen „grundsätzlich nicht anzuwenden“ sei. Doch die Lehrer hielten sich nicht daran. Helga wurde von Nonnen mit Stockschlägen auf die Hände, sogenannten „Batsche-Händchen“ zur Raison gebracht. Erst 1973 verbot der Gesetzgeber die körperliche Bestrafung in allen öffentlichen Einrichtungen.

Im selben Jahr brachte Tilman die Geschichte seiner Kindheit in dem Buch „Thoms Bericht“ zu Papier. Ein Buch, das nicht nur ihm geholfen hat, das Drama seiner Kindheit zu verarbeiten, wie er aus vielen Leserbriefen weiß. Tilman ist heute anerkannter Schriftsteller historischer Romane. Helga konnte während einer Ausbildung zur Telefonseelsorgerin viel über sich und die Prügel in ihrer Kindheit begreifen und ihrer Mutter verzeihen. Heute arbeitet sie ehrenamtlich als ‚Grüne Dame‘ im Krankenhaus.

Erst im Jahr 2000 entschied der Bundestag nach langer Debatte, dass Kinder auch zu Hause ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben.

Die Idee für den Film hatte Ingrid Müller Münch, deren Buch: „Die geprügelte Generation – Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen“ 2012 im Klett-Cotta Verlag erschienen ist.



Buch und Regie: Erika Fehse
Kamera: Reiner Bauer
Schnitt: Volker Gehrke
Sprecher: Philipp Schepmann
Producer: Martina Sprengel
Redaktion: Johanna Holzhauer
Produktion: doc.station Hamburg




 
   
 


 


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