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10.02.2016 /00:15/Tagesschau24

Nur ein Klaps auf den Po?
Wenn Eltern ihre Kinder schlagen

In der Reihe ‚Menschen hautnah‘


 
Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Seit 15 Jahren haben Kinder „ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“. So steht es seit dem 8. November 2000 im Gesetz. Hat sich seitdem viel verändert? Wann beginnt Gewalt – schon beim Klaps, bei der Ohrfeige? Geschieht es häufig, dass Eltern überfordert sind und zuschlagen? Und welche Auswirkungen haben Schläge auf Kinder? Ein heikles Thema. Nur wenige Eltern und Jugendliche sind bereit, darüber zu sprechen.

Katrin hat zwei Kinder, sie sind drei und ein Jahr alt. Sie sind lebhaft und anstrengend. Wenn der Große gar nicht hört, gibt es auch mal einen Klaps. „Er rennt immer weg. Und ich kann ihm das hundertmal sagen, er rennt wieder weg. Das geht einfach nicht. Wenn ich ihm versuche zu erklären, warum er jetzt nicht weglaufen darf, und er das trotzdem immer wieder tut, dann kriegt er eben einen auf den Hintern.“ Das ist für Katrin keine Gewalt, sondern eine erzieherische Maßnahme. So wie Katrin denken viele.

Gesamtschule Berger Feld. Die Sozialpädagogin Marie Luise Raschtuttis spricht mit Schülern unterschiedlicher Jahrgänge über das Thema Gewalt. Uns überrascht: Die Kinder dort haben alle schon mal einen Klaps gekriegt und alle finden, sie hätten das verdient. Sie sagen aber auch, dass es sie verletzt, wenn die Eltern nicht mit ihnen sprechen, sondern sie schlagen. Und dass es sie traurig macht. Kinder verteidigen ihre Eltern und sie reden nicht gerne darüber, was hinter der Wohnungstür geschieht.

Davon weiß auch Steffi Bernard vom Kinderschutzzentrum Dortmund zu berichten. Sie wird häufig von Lehren gerufen, denen auffällt, dass sich ein Kind zurückzieht und die sich fragen, ob Gewalt im Spiel sein könnte. Dann fährt Steffi Bernard mit dem Kinderschutzauto in die Schulen, versucht, Kontakt zu den Kindern aufzubauen. „Sehr häufig ergibt sich in ersten Gesprächen so etwas wie: ‚Ich möchte aber nicht, dass meine Mama das weiß, dann wird der Druck zu Hause noch größer. Mein Vater sagt: Das geht andere nichts an. ‘ “ Nichts soll das Bild der heilen Familie zerstören. Gemeinsam mit Angela Nelde, Lehrerin an der Martin-Buber-Schule, versucht sie, den Eltern Hilfe anzubieten.

In Kinderschutzzentren melden sich auch Mütter, die mit ihren Schreibabys vollkommen überfordert sind. Die Hebamme Gordana Landthaler weiß von lebensgefährlichen Situationen, in denen Eltern sich nicht mehr unter Kontrolle haben und das Kind schütteln. Sie rät den Müttern: „Bring eine Barriere zwischen dich und das Kind und wenn es die Türen sind. Geh raus, geh weg von dem Kind.“

Und was weiß die Wissenschaft? Wir treffen uns mit Professor Holger Ziegler. Er hat 2013 etwa 900 Kinder und Jugendliche aber auch ihre Eltern befragen lassen. Das Interessante: Eltern aus der Mittelschicht erzählen häufig, sie hätten ihre Kinder nicht geschlagen, während die Kinder das ganz anders sehen. Die Dunkelziffer ist hoch. Laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen werden etwa 12,7%, hochgerechnet also etwa 1,6 Millionen Kinder von Erwachsenen mit Gegenständen oder mit der Faust geschlagen, verprügelt oder sogar zusammengeschlagen (KFN 2013).

Kinderklinik Duisburg. Ein bis zwei Mal pro Monat sehen Ärzte wie Frau Dr. Reutershahn in der Notfallambulanz Verletzungen, bei denen elterliche Gewalt im Spiel sein könnte. Und die Erklärungen der Eltern nicht stimmig sind. Der Chefarzt Dr. Seiffert: „Wenn wir Kinder mit ihren Problemen medizinisch richtig behandeln wollen, dann müssen wir die Ursache finden und die Ursache möglichst behandeln. Und wenn die Ursache eben eine familiäre, eine Vernachlässigung, eine Misshandlung ist, dann müssen wir da Hilfe anbieten. Und zwar die richtige. Keine Strafe, Hilfe!“

Das Ziel: Gewalttätigen Eltern andere Wege aufzeigen, denn Schläge haben Auswirkungen, die oft ein ganzes Leben prägen. Jo-Ann ist von ihrer Pflegemutter geschlagen worden, bevor ihr in einer Wohngruppe der AWO durch Barbara und Ulrich Gehrmann geholfen werden konnte. Sie hat ihre Wut immer in sich hineingefressen und einen fatalen Ausweg gesucht: „Ich habe mich geschnitten, ich habe mich selbst geschlagen, ich habe mir körperliche Gewalt zugefügt. Und ich habe auch mein Zimmer andauernd zerlegt, Sachen durch die Gegend geworfen. Irgendetwas Persönliches kaputt gemacht, einfach, weil ich das nicht mehr aushalten konnte.“

Auch Lucas ist aggressiv geworden. Hat Möbel demoliert, seine Schwester getreten, seine Mutter zur Weißglut gebracht. Bis sie nach ihrer Trennung erfuhr, dass Lukas Vater die Kinder geschlagen hat. Hinter ihrem Rücken, regelmäßig und brutal. Lucas Ausbrüche dann waren auch sein Glück. Die Mutter suchte Hilfe für ihn und hat sie bekommen: Therapie für Lucas. Ihr Wunsch: „In den Köpfen der Menschen müsste sich etwas ändern. Ich meine, ich habe das hier im Freundeskreis ganz, ganz oft, dass es heißt, ja eine Ohrfeige schadet doch keinem. Wo ich mir denke, oh doch, glaubt mir, das schadet.“


Buch und Regie: Erika Fehse
Kamera: Jürgen Behrens, Julia Bichel, Stephan Neuhalfen
Ton: Julia Bichel, Norman Born, Henning Schiller, Felix Preuss
Schnitt: Ewa Jankowska
Musik: Jens Hafemann
Sprecherin: Elisabeth Hartmann
Redaktion: Britta Windhoff


Dank an alle Mitwirkenden
sowie

Georg Altenkamp Gelsenkirchen
Andrea Asch Kinder- und Familienpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag NRW
Dr. Dirk Baier Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V., Hannover
Prof. Kai-D. Bussmann Uni Halle-Wittenberg
Dr. Metin Degirmenci HELIOS St. Johannes Klinik Duisburg
Gudrun Heitkemper Martin-Buber-Schule, Dortmund
Patrick Hoffmann Gesamtschule Berger Feld Gelsenkirchen
Martina Huxoll-von Ahn Deutscher Kinderschutzbund, Wuppertal
Dr. Heinz Kindler Deutsches Jugendinstitut e.V., München
Werner Königs Schulsozialarbeit Köln
Dr. Ralf Kownatzki Duisburg
Anja Meyer Deutscher Kinderschutzbund, Wuppertal
Tanja Zech t-online.de, Ressort Eltern, Darmstadt

 
   
 


 


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